Nach der Abdankung Alvaro Arbeloas steht einem Comeback von Jose Mourinho auf der Trainerbank von Real Madrid quasi nichts mehr im Weg. Hat 'The Special One' nach wie vor die Fähigkeiten, die im Chaos versinkenden Blancos zurück an Europas Spitze zu führen, oder ist die Rückhol-Aktion des Portugiesen viel mehr die verzweifelte Sehnsucht von Präsident Florentino Perez nach erfolgreicheren Zeiten?
Mit aller Macht versuchte Benficas Präsident Rui Costa noch vor wenigen Tagen den Spekulationen um die Zukunft seines Trainers entgegenzuwirken. "Jose Mourinho ist der Trainer von Benfica - solange nicht das Gegenteil bewiesen ist", meinte der Klubboss in einem TV-Interview, gleichwohl wissend, dass die letztendliche Entscheidung nicht bei ihm oder dem Verein liege, sondern einzig allein bei seinem Coach. Und diese, das pfeifen die Spatzen schon seit einigen Wochen von den Dächern, wird aller Voraussicht nach contra Benfica-Verbleib und pro Wechsel zu Real Madrid ausfallen. In seinem eigentlich noch bis Ende Juni 2027 laufenden Arbeitspapier bei den Lissabonern existiert nämlich eine Klausel, die es Mourinho ermöglicht, aus seinem Vertrag auszusteigen. Zuletzt hatten verschiedene Medienberichte für Verwirrung bezüglich der Höhe der Ausstiegsklausel gesorgt, angeblich habe Real sogar eine Frist verpasst, weswegen die Ablöse nunmehr 14 Millionen Euro betrage. Dass Real sie sich leisten kann, wenn es wirklich ernstmachen möchte, darf angenommen werden.
Mourinhos erste Amtszeit: Zwischen Chaos und Erfolg
Bereits zwischen 2010 und 2013 war der 63-jährige Portugiese für die Geschicke bei den Madrilenen verantwortlich. Bei vielen sind vor allem die zahlreichen Nebengeräusche im Gedächtnis geblieben, die 'The Special One' in dieser Zeit produzierte. In erster Linie zu erwähnen wäre der Zoff mit dem damaligen sportlichen Leiter Jorge Valdano, der so sehr eskalierte, dass sich die Real-Spitze am Ende gezwungen sah, sich vom Argentinier zu trennen und Mourinho mehr Macht zu gewähren. Nichtsdestotrotz waren die Jahre Mourinhos auf sportlicher Ebene sehr erfolgreich. Als er im Sommer 2010 als Champions-League-Siegtrainer von Inter Mailand nach Madrid kam, befand sich der Klub in einer äußerst schwierigen Lage. Die Liga hatte man gegen Pep Guardiolas übermächtiges Barcelona verloren, dazu war man zum sechsten Mal in Folge in der Champions League bereits im Achtelfinale gescheitert. Die Aufgaben: endlich "La Decima" gewinnen und einer der besten Mannschaften der Geschichte den Rang ablaufen.
Der Auftakt ging zunächst gehörig schief. Nur vier Monate nach Amtsantritt hagelte es im Clasico eine 0:5-Pleite gegen den FC Barcelona. Stimmen wurden laut, die Mourinho die nötige Qualität absprachen. Im ersten Jahr musste man sich Barca in der Liga knapp geschlagen geben, auch in der Champions League war gegen den Rivalen Endstation - immerhin im Halbfinale. Mit fortschreitender Zeit verinnerlichten Reals Superstars die Art, wie Mourinho Fußball spielen wollte. Im April 2012 gelang die Revanche gegen Barcelona, gleichzeitig besiegelte der Triumph den Machtwechsel. In LaLiga knackten die Madrilenen die 100-Punkte-Marke, mit einer Tordifferenz von 121:32 wurde man mit deutlichem Abstand Meister. Legendär wurde Mourinhos Wagenburgmentalität, die er den Madridistas einimpfte.
Nur in der Champions League blieb der große Wurf verwehrt. 2012 scheiterte man im Elfmeterschießen am FC Bayern, 2013 reichte ein 2:0-Rückspielsieg gegen den BVB nicht, um eine 1:4-Hinspielniederlage wettzumachen. Dennoch legte Mourinho den Grundstein für die späteren Erfolge unter Zinedine Zidane und Carlo Ancelotti. Spieler wie Sergio Ramos, Raphael Varane, Pepe, Marcelo, Luka Modric, Cristiano Ronaldo und Karim Benzema bildeten das Fundament einer Mannschaft, die zwischen 2013 und 2018 vier Champions-League-Titel gewann. Diese Erfolge sind auch auf Mourinhos Arbeit zurückzuführen.
Die aktuelle Misere: Zwei titellose Jahre und zerrüttete Kabine
Nun kann die Frage, ob man sich von einer Rückkehr einen ähnlichen Werdegang erhofft, wohl nur Präsident Perez selbst beantworten. Ein genauerer Blick auf die vorherrschenden Gegebenheiten legt nahe, dass Mourinho in einer zweiten Amtszeit deutlich größere Herausforderungen bewältigen müsste. Nach zwei Saisons ohne einen einzigen Titel liegen die Nerven in Spaniens Hauptstadt blank. Die Kabine ist in mehrere Grüppchen gespalten, disziplinarische Ausreißer einiger Stars stehen auf der Tagesordnung. Den unrühmlichen Höhepunkt fand dies in der Auseinandersetzung zwischen Aurelien Tchouameni und Federico Valverde vor wenigen Wochen.
Zu spüren bekamen dies die als Hoffnungsträger geholten Trainer Xabi Alonso und Alvaro Arbeloa, die beide die rebellische Kabine nicht in den Griff bekamen. Topstars wie Kylian Mbappe, Vinicius Junior und Jude Bellingham handelten oftmals aus purem Eigeninteresse und ließen das kollektive Gesamtwohl außer Acht. Ob Mourinho hinsichtlich dessen ein Turnaround gelingt, ist fraglich. Schließlich ist der 63-Jährige nicht gerade als cooler Moderator bekannt, sondern fällt selbst als Hitzkopf auf, der Situationen eher eskalieren lässt. Die Gefahr, dass die Verantwortlichen mit einer Verpflichtung Mourinhos weiter Öl ins Feuer gießen, ist extrem hoch.
Gleichzeitig wird man das Gefühl einer gewissen Verzweiflung nicht los. Während andere europäische Spitzenmannschaften wie die Bayern mit Vincent Kompany, PSG mit Luis Enrique oder Barca mit Hansi Flick spektakulären Offensivfußball zelebrieren, scheint bei den Königlichen nach dem Fiasko um Xabi Alonso der Mut abhandengekommen zu sein, progressive Entscheidungen zu fällen. Frei nach dem Motto: Lieber etwas Altbewährtes als ein weiterer Umbruch. Die von Perez gewünschte Neuausrichtung des Spielstils unter Alonso ist mit einer Übernahme Mourinhos so gut wie ausgeschlossen. Offensivpressing mit viel Ballbesitz, Dominanz und attraktivem Fußball? Dafür ist 'The Special One' nicht bekannt. Pragmatismus bestimmt sein fußballerisches Weltbild. Ergebnisfußball aus einer kompakten Defensive heraus, erst dann wird an die Offensive gedacht. Gewonnen hat Mourinho auch länger nichts mehr - sieht man von der Conference League mit der AS Rom 2022 ab.
Die Chancen: Mourinho als harter Hund für die Stars
Und dennoch gibt es das Szenario, in dem sich eine Rückkehr als genialer Schachzug entpuppen könnte. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ließe sich Mourinho nicht von den Superstars einschüchtern. Er hatte noch nie Angst vor großen Namen, und erst recht keine Angst, sie auf die Bank zu setzen oder aus dem Kader zu streichen. Wenn er die nötigen Freiheiten bekommt, um mit harter Hand durchzugreifen, wird er wohl für mehr Disziplin sorgen und die Stars zurück auf Linie bringen. Ob ihn seine Spieler dabei unterstützen und am Ende für sportlichen Erfolg sorgen - damit steht und fällt das Projekt.
Ein Blick auf Mourinhos Karriere zeigt, dass er immer dann am erfolgreichsten war, wenn er absolute Autorität besaß. In Porto, Chelsea, Inter Mailand und zu Beginn in Madrid gelang ihm das. In späteren Stationen bei Manchester United, Tottenham und der AS Rom wurde seine Autorität zunehmend untergraben. Bei Real Madrid würde er auf eine Mannschaft treffen, die ähnlich hohe Ansprüche hat wie damals. Die Frage ist, ob Präsident Perez ihm die uneingeschränkte Rückendeckung gewährt, die nötig wäre. Die Personalie Valdano zeigt, dass Perez bereit ist, sich gegen andere Funktionäre zu stellen. Doch heute sind die Machtverhältnisse womöglich anders.
Zudem hat sich das Spielermaterial verändert. In den 2010ern waren viele Spieler wie Ramos, Ronaldo oder Pepe äußerst charakterstark und ließen sich von Mourinho formen. Heute sind es eine Generation von Superstars, die in einer anderen Sozialisation aufgewachsen sind. Mbappe, Vinicius und Bellingham sind es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Ob sie einen autoritären Trainer akzeptieren, ist ungewiss. Hinzu kommt der Druck der Öffentlichkeit und der Medien in Madrid, die bei jedem Fehltritt sofort reagieren.
Die sportliche Perspektive: Ein neuer Stil?
Sportlich müsste Mourinho sein System anpassen. Real Madrid hat in den letzten Jahren auf schnelle Umschaltmomente gesetzt, aber auch auf dominantes Ballbesitzspiel. Unter Carlo Ancelotti war die Balance zwischen Defensive und Offensive perfekt. Nach dem Abgang von Casemiro und dem Altern von Modric und Kroos fehlt diese Stabilität. Mourinhos typisches 4-2-3-1 mit defensiven Mittelfeldspielern könnte den Kader wieder in eine kompakte Einheit verwandeln. Allerdings müssten offensivere Spieler wie Bellingham oder Güler zurückstecken. Die Rückkehr von Toni Kroos wäre unter Mourinho wohl ausgeschlossen, da der Deutsche nicht zu seiner pragmatischen Philosophie passt.
Die Transferpolitik wird ebenfalls entscheidend sein. Mourinho verlangt häufig nach erfahrenen, physisch starken Spielern, die seine Ideen umsetzen. Spieler wie Declan Rice oder Bruno Guimaraes wären ideal, aber teuer. Real Madrid hat in den letzten Jahren auf junge Talente gesetzt, was im Widerspruch zu Mourinhos Vorliebe für fertige Spieler steht. Präsident Perez müsste bereit sein, die Kaderplanung ganz auf den Portugiesen auszurichten. Ein erster Schritt wäre die Rückholaktion von Spielern wie Sergio Ramos, der in Sevilla noch aktiv ist, aber eine Führungsfigur wäre.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Gerüchte Realität werden. José Mourinho selbst hat sich noch nicht geäußert, aber sein Umfeld signalisiert Bereitschaft. Bei Benfica läuft es sportlich nicht optimal, und Mourinho fühlt sich in Portugal nicht wohl. Ein Wechsel zu Real Madrid wäre die Rückkehr an den Ort seines größten Erfolgs im nationalen Wettbewerb. Gleichzeitig wäre es das riskanteste Projekt seiner Karriere. Der Druck in Madrid ist enorm, und die Erwartungen sind nach zwei titellosen Jahren noch höher.
Ob sich die Rückkehr als genialer Schachzug oder Brandbeschleuniger erweist, wird die Zukunft zeigen. Die Weichen sind gestellt, die Bühne bereit. Es bleibt abzuwarten, ob Florentino Perez den roten Knopf drückt und Mourinho den Schlüssel zum Erfolg übergibt.
Source: MSN News